Kursdorf – Wohnen zwischen den Landebahnen

13. Januar 2009 | von

Zwei Landebahnen, eine viel befahrene Autobahn und einen Bahnhof an einer Schnellfahrstrecke der Bahn – was wie eine optimale Verkehrsanbindung klingt, ist für die Anwohner des kleinen Orts Kursdorf bei Leipzig die tägliche Wohnrealität. Viele Jahre hatten die Kursdorfer Lärm, Gestank und den immer weiter fortschreitenden Ausbau der Infrastruktur getrotzt, doch inzwischen haben die meisten aufgegeben. Was bleibt, ist Galgenhumor: Auf ihrer Webseite beschreiben sie die Lage ihres Dorfes als „idyllisch“.

Dabei ist es nicht so, dass die Kursdorfer den Lärm nicht gewohnt wären. 1928 wurde im Süden des Dorfes die erste Landebahn angelegt, im Jahre 1937 zählte man bereits 40 Starts und Landungen auf dem neuen Flughafen Leipzig/Halle. Selbst als der Flughafen zu DDR-Zeiten zweimal jährlich als Messeflughafen genutzt wurde und die Passagierzahlen bis 1988 auf 550.000 Fluggäste stiegen, blieb alles noch im erträglichen Rahmen. Die Kursdorfer hatten sich im Laufe der Zeit mit dem alltäglichen Fluglärm und den beißenden Geruch des Kerosins arrangiert, nahmen ihn fast gar nicht mehr wahr.

Ausbau zum Frachtdrehkreuz verschlimmerte die Situation enorm

Nach der deutschen Wiedervereinigung suchte der Flughafen einige Zeit seinen Platz im deutschen Luftfahrtkarussell, aber bereits im Jahre 1994 hatte sich die Zahl der abgefertigten Passagiere auf zwei Millionen erhöht. Es folgten ein neues Terminal für 3,5 Millionen Fluggäste, ein neuer Tower und im Jahre 2000 die neue Start- und Landebahn im Norden des Flughafens. Seitdem ist Kursdorf eingekeilt zwischen zwei Landebahnen, oder „sorgsam umschlossen“, wie es die Einwohner lakonisch ausdrücken. Und als wäre dies nicht schon genug, rollen auf der nahegelegen Autobahn Dresden-Magdeburg täglich mehr als 55.000 Fahrzeuge vorbei und bilden mit den Regional- und Fernzügen, die in kurzen Abständen auf der gleich nebenan gelegenen Bahnstrecke einen nur schwer zu ertragenden Lärmteppich bilden.

Die Expansion des Flughafens machte aber nicht bei Landebahnen und Gebäuden halt. Seitdem die DHL ihr internationales Frachtdrehkreuz nach Leipzig-Halle verlegt hat, donnern die Flugzeuge auch nachts an den Häusern vorbei – das Bundesverwaltungsgericht erteilte dem Flughafen eine uneingeschränkte Nachtflugerlaubnis für Expressgut. Trotz der allgemein anerkannten negativen Auswirkungen des Lärms auf Gehör und Wohlbefinden – insbesondere nächtlicher Lärm ist der Gesundheit abträglich – hielten es zu Beginn des neuen Jahrtausends immerhin noch knapp 200 Menschen in Kursdorf aus. Sie bekommen zwar schalldichte Fenster, damit der Lärm nicht eindringen kann und Lüftungen, weil der Gestank des Flugbenzines auf Dauer unerträglich ist, dafür aber auch meterhohe Schallschutzwände, die den sowieso schon eingeschnürten Ort noch klaustrophobischer erscheinen lassen. Und freilich helfen die nur bedingt gegen startende und landende Flugzeuge, von denen im Jahr 2007 insgesamt 50.972 gezählt wurden  – knapp 139 pro Tag. Besonders beim Start wird es laut, die auf Vollast laufenden Turbinen  erreichen einen Schallpegel von 120 db – ein Presslufthammer erreicht 130 db.

Umzug – für die Bewohner nur schwer vorstellbar

Viele Kursdorfer sind verwurzelt in ihrer Heimat, zudem hat der Flughafenausbau den Wert der Immobilien und Grundstücke stark sinken lassen – und die Flughafengesellschaft bietet nach Meinung vieler Kursdorfer zu wenig für das Land – private Interessenten finden sich sowieso keine. Es gibt auch keine Geschäfte mehr in Kursdorf, keine Kneipe, kein Arzt und eine Post natürlich auch nicht – obwohl die nur wenige Meter weiter Millionen Sendungen umschlägt. Und so bleibt den inzwischen noch rund 40 Verblieben nur der Traum, dass ihr Dorf irgendwann mal komplett umzieht und irgendwo ein Neu-Kursdorf entsteht – wahrscheinlich mit dem Flughafen in Sichtweite.




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Ein Kommentar zu Kursdorf – Wohnen zwischen den Landebahnen

  1. G.Lotzenoff sagt:

    Krass, was den Leuten dort zugemutet wird. Nicht mal nachts haben die ihre Ruhe. Bei google maps kann man sich das mal genau anschauen: http://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=kursdorf,+leipzig&sll=51.151786,10.415039&sspn=12.361833,28.300781&ie=UTF8&ll=51.420727,12.235165&spn=0.023979,0.055275&t=h&z=14

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