Einsturz des Kölner Stadtarchives durch Kostendruck und Sorglosigkeit?

6. März 2009 | von

Vor drei Tagen ist das Kölner Stadtarchiv in sich zusammen gesackt und hat wahrscheinlich nicht nur zwei Menschen unter sich begraben, sondern auch unschätzbare kulturelle Werte. Die genauen Ursachen des Unglücks sind derzeit noch unklar, ein Zusammenhang mit dem U-Bahnbau unter der benachbarten Severinstraße gilt aber als wahrscheinlich.

Nach zwei vermissten Personen wird derzeit noch gesucht, auch wenn die Hoffnung auf deren Überleben immer mehr schwindet. Zuvor musste erst die Einsturzstelle gesichert werden, da Trümmer der benachbarten und schwer in Mitleidenschaft gezogenen Wohnhäuser eine Gefahr für Leib und Leben der Rettungsmannsachften bedeuteten. Auch die Überreste des Archives selber erschwerten die Suche.

Beim Einsturz des Gebäudes wurde eines der bedeutendsten Archive Europas zerstört, unschätzbare kulturelle Werte gingen verloren. Historische Dokumente aus über tausend Jahren Stadtgeschichte, darunter Beschlüsse des Stadtrats seit 1320, 65.000 Pergamenturkunden oder der Nachlass des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll lagerten in dem erst knapp 30 Jahre alten Gebäude. Ob und wieviel davon gerettet werden kann, ist derzeit noch völlig unklar, der ideelle Schaden ist bereits jetzt kaum zu fassen. Und auch der auf knapp 400 Millionen Euro geschätzte finanzielle Schaden wird wohl nicht komplett ersetzt, da die Stadt Köln auf eine Elementarversicherung verzichtete und das Archiv nur gegen Feuer, Sturm und Explosion versicherte.

U-Bahnbau als Ursache wahrscheinlich

Ein Zusammenhang zwischen dem Bau der U-Bahn unter der vor dem Haus verlaufenen Severinstraße und dem Einsturz des Gebäudes gilt als immer wahrscheinlicher, dennoch rästeln die Experten über die genauen Gründe. Der U-Bahn-Bau sei ausgereift und sicher, ein Unglück wie dieses eigentlich undenkbar. Vor dem Gebäude sollte eine Weichenkonstruktion entstehen, es wird angenommen, daß eine undichte Stelle in der Wand zum Archiv aufgetreten ist, in die Grundwasser eingedrungen ist und das Erdreich ausgehölt hat.

Auch wenn der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) davor warnte, über die Ursache zu spekulieren und zu frühe Urteile zu fällen, dürften sich nicht nur die Bewohner der schwer in Mitleidenschaft gezogenen Nachbarhäuser fragen, welche Auswirkungen ein weiterer Ausbau der U-Bahn für ihre Gebäude hat. Vorfälle beim Bau der Kölner Nord-Süd Bahn gab es in der Vergangenheit bereits einige: Der Turm der St. Johann Baptist Kirche in Vringsveedel neigte sich um 77 Zentimeter, in etlichen Häusern entstanden zum Teil tiefe Risse, selbst der Kellerboden des Rathauses senkte sich. Diese Schäden wurden offensichtlich nicht zum Anlass genommen, den Boden erneut zu untersuchen. Vor Baubeginn sei der Boden lediglich stichprobenartig untersucht worden, die aufgetretenen Schäden wurden von Gutachtern bewertet aber nicht als schwerwiegend eingestuft.

Weiterer Bau der Bahn zu verantworten?

Ein Stopp des weiteren Ausbaus scheint unter den gegebenen Umständen unwahrscheinlich. Zu wichtig ist die neue Verkehrsachse für die Rheinmetropole, zu viel Geld wurde bereits verbaut. Eine Investruine dieses Ausmaßes wäre wohl auch dem Steuerzähler nicht zu vermitteln. Gleichzeit stellen sich aber auch Fragen nach der Verantwortung für das Unglück und auch für die Risiken des weiteren Ausbaus. Unvorstellbar wäre es, wenn noch ein Unglück passieren würde, ein weiteres Wohnhaus zusammenstürzt und noch mehr Opfern zu beklagen wären. Wer übernimmt dann die Verantwortung nach dem Zusammensturz des Stadtarchives? Die Sorglosigkeit, mit welcher man vorher aufgetretene Schäden scheinbar nicht ernst genug genommen hatte und der immense Kostendruck waren jedenfalls eine fatale Kombination.




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Ein Kommentar zu Einsturz des Kölner Stadtarchives durch Kostendruck und Sorglosigkeit?

  1. Godwi sagt:

    Ich finde dieses Ereignis nach wie vor schrecklich. In meinem Blog habe ich heute einen Nachruf auf das Kölner Stadtarchiv versucht:

    http://tonwertkorrekturen.wordpress.com/2009/03/07/gedachtnisverlust/#more-233

    Godwi

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