Das erste grüne Mehrfamilienhaus in Berlin könnte Realität werden

29. Dezember 2009 | von

Die Diskussionen über das momentan wohl beliebteste Thema in der Welt von Architektur und Bau – „Energiebewusstes Bauen“ – nehmen kein Ende. Auch in Zukunft ist für reichlich Diskussionsstoff gesorgt, denn jeden Tag gibt es in diesem Bereich weitere Nachrichten, die für Aufregung sorgen.

Ein weiterer Höhepunkt der Entwicklung ist ein neues Projekt für ein Mehrfamilienhaus in der Berliner Innenstadt, das ausschließlich mit Sonne sowie Holzpellets oder Erdwärme beheizt wird – das Erste seiner Art. Angestrebt wird eine komplette Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Das Haus braucht keinen Öltank und keine Gasbrennwertheizung, stößt also kein CO2 aus – mit wenigen Worten: das Nonplusultra jeglicher Technologien.

„Tolle Sache“ würde man sagen, dennoch wird das Projekt für das erste grüne Haus in Berlin-Mitte aus verschiedenen Gründen infrage gestellt. Einer der Knackpunkte ist die Bohrung für die Wärmepunkte. Die Nutzung von Erdwärme in dicht bebauten innerstädtischen Gebieten gilt als schwierig, wer dem Grundwasser Wärme entziehen will, braucht dafür eine wasserbehördliche Erlaubnis durch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und den Bezirk. Dass sowas durchaus schief gehen kann, sieht man am Beispiel der im Breisgau gelegenen Stadt Staufen. Hier hebt sich nach einer Bohrung und anschliessendem Wassereinbruch der Untergrund seit geraumer Zeit um einen Zentimeter pro Monat. Für die Bewohner hat dies dramatische Folgen: Nach ersten Rissen sind etliche Häuser inzwischen unbewohnbar, der Schaden liegt inzwischen in dreistelliger Millionenhöhe. Laut Pieter Bots, Geschäftsführer des Geothermiespezialisten bietet die Berliner City jedoch mit ihrem Reichtum an Grundwasser eine ideale Voraussetzung zum Betrieb unserer Erdwärmeanlagen. Wie dann die Entscheidung der Senatsverwaltung lauten wird, kann momentan aber niemand voraussagen.

Wie sollte aber das grüne Haus in der Wallstraße 35 am U-Bahnhof „Märkisches Museum“ funktionieren, wie soll geheizt werden? Durch die Kombination einer neuartigen Geothermie-Anlage mit Solarabsorbern und Vollwärmeschutz kann die nötige Wärme ausschließlich durch regenerative Energien erzeugt werden. Die Anlage soll mit einer Integralsonde arbeiten, die 45 Meter tief in die Erde bohrt. Die Sonde saugt Grundwasser an und pumpt es in die Klimazentrale des Hauses, wo dem Wasser Wärme entzogen wird. Diese Wärme wird dann durch eine Wärmepumpe auf ein höheres Temperaturenniveau gehoben, sodass sie die Wohnungen über eine Fußbodenheizung auf wohlige Temperaturen erwärmen kann. Das besondere an dieser Technik ist, dass sich die Anlage für kleine Grundstücke in dicht bebauten Innenstädten eignet. Für die neuentwickelte Integralsonde ist nur eine einzige Bohrung bis zu einer Maximaltiefe von 200 Metern nötig, in der Wallstraße reichten 45 Meter aus.

Das grüne Familienhaus sollte dennoch nicht nur umweltfreundlich sein, sondern auch den Bewohnern helfen, eine Menge Geld für Energie sparen. Dennoch ist die innovative Technik natürlich nicht umsonst zu haben. Die Kosten für das Heizungssystem liegen gegenüber einer konventionellen Gasheizung um 235.000 Euro höher. Es heißt dennoch, dass die Mehraufwendungen durch geringe Energieausgaben überkompensiert werden können. So würde sich vor allem der Einsatz von Geothermie lohnen. Dann müssten die Bewohner lediglich den Strom bezahlen, der für den Betrieb der Wärmepumpe erforderlich ist. Die voraussichtlichen Kosten werden sich dann nur noch auf 6.700 Euro jährlich belaufen, was weniger als die Hälfte der Kosten eines Gasheizungssystems wäre. Das jährliche Einsparpotenzial beträgt so rund 8.900 Euro oder durchschnittlich 500 Euro pro Wohnung.

Die Fertigstellung des Gebäudes ist für Mai 2010 terminiert, ein Großteil der Wohnungen ist bereits jetzt verkauft. Das zeigt vor allem dass die Menschen zunehmend bereit sind, die Kosten für zukunftsweisende Energietechnik zu tragen. Würdesich dieser Trend auch in 2010 verstärken und gleich mehrere solche Projekte gebaut werde, könnte solchen Gebäuden der Touch des „Exklusiven“ abhanden kommen und fortan als Standard gelten.




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Über Sabine Wagner

Sabine Wagner ist Mitglied der immobilo-Redaktion
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