Grünes Image der Fernwärme bröckelt

7. Dezember 2010 | von

Wenn die Temperaturen in den Wintermonaten so langsam gen Null sinken, geht der erste Handgriff in der Wohnung oft zum Thermostat. Wenn die Heizung mit Fernwärme läuft, gilt dies als gemeinhin umweltfreundlich und sparsam – ein Trugschluss, wie Kritiker meinen.

Alle Jahre wieder laufen im Winter Deutschlands Heizungen auf Hochtouren. Manche davon werden mit fossilen Brennstoffen betrieben, andere funktionieren ökologisch korrekt mit Solarenergie und Erdwärme. Als umweltschonend gilt auch die Fernwärme, die in ca. 13 Prozent der deutschen Haushalte genutzt wird. Doch genau diese Art des Heizens wird von Experten zunehmend kritisch unter die Lupe genommen.

Zustande kommt Fernwärme durch Kraft-Wärme-Kopplung insbesondere in Kraftwerken. Ausser dem Hauptprodukt Strom entsteht hier auch das Nebenprodukt Wärme, welche dann in Form von Wasser oder Dampf zum Kunden geleitet wird.

Einer der schärfsten Kritiker der Fernwärme ist Werner Dorß vom Immobilienberater Arcadis. Sein Hauptkritikpunkt ist, dass sich Erzeugern oftmals durch „Rechentricks“ beim Verbraucher Vorteile schaffen. Genau diese Vorteile würden zu Lasten der Verbraucher aber besonders zu Lasten der Umwelt gehen, so der Energiewirtschaftsrecht-Experte im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).

Belegen kann Droß seine Kritik durch seine Praxiserfahrung. Dabei macht er besonders den Gesetzgeber verantwortlich, denn dieser ließe es zu, dass Fernwärme bei der Erstellung des Energieausweises durch Pluspunkte„grünwaschen“ kann. Laut Droß müsste man zum Beispiel in Gebäuden die mit Gas geheizt werden, rund 50 Prozent mehr investieren, um sie umweltfit zu machen.

Dass Sachverständige bei der Ausstellung eines Energieausweises auf Zahlen vertrauen, deren genaue Berechnungsgrundlage sie überhaupt nicht kennen, bestätigt auch Andreas Hummelt, Geschäftsführer des Berliner Architektenbüros „i-energy“. „Ich kann ein Gebäude von 1900 mit Fernwärme versorgen, dann ist es von der Umweltbilanz her oft in der Nähe vom Neubau-Niveau“, so Hummelt gegenüber der FAZ.

Doch noch ein weiterer Punkt beschäftigt Droß. Die veraltete Gesetzesgrundlage ermöglicht es den Erzeugern zum Beispiel, ihre Rohrleitungen nicht modernisieren zu müssen. Die Energieverluste, die entstehen, wenn das bis zu 130 Grad heiße Wasser durch die Rohre schießt, würden dem Verbraucher, wie Droß meint, auf die Preise aufgeschlagen werden. Dieser Ansicht ist auch Justus Haucap. Er ist Vorsitzender der unabhängigen Monopolkommission. „Da die Preissetzung letztlich nicht reguliert ist, werden die Unternehmen den Preis so festsetzen, dass sich sämtliche Kosten finanzieren lassen – auch die Verlustenergie”, erläuterte er der FAZ.

Wie die Preise bei der Fernwärme überhaupt zustande kommen, beschäftigt momentan auch das Bundeskartellamt. Knackpunkt ist dabei die fehlende Wahlmöglichkeit für Verbraucher, die Heizarten zu wechseln, da die Kommunen teilweise „Anschluss- und Benutzerzwang“ geltend machen.
Mehr zum Thema Fernwärme finden Sie in der FAZ.




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Über Sabine Wagner

Sabine Wagner ist Mitglied der immobilo-Redaktion
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