Wärmedämmung als Brandbeschleuniger

29. November 2011 | von

Wärmedämmung kann im Brandfall zur tödlichen Gefahr werden: Recherchen des NDR haben ergeben, dass die zur Dämmung benutzten Styroporplatten so leicht entflammbar sind, dass sie auch kleinere Feuer in ein flammendes Inferno verwandeln können.

Styroporplatten werden seit Jahren zur Wärmedämmung benutzt: Rund 80 Prozent aller Sanierungsvorhaben zur Wärmeisolierung kommen nicht ohne die Platten aus Polystyrol aus. Ihr Vorteil ist der günstige Kaufpreis und die leichte Verarbeitung.

Wie sich jetzt herausstellte, haben sich hunderttausende Hausherren in Deutschland in falscher Sicherheit gewiegt: Bei einem Hausbrand können genau diese Hartschaumplatten zum Verhängnis werden. In der Dokumentationsreihe „45 Min“ des NDR konnte eindrucksvoll gezeigt werden, wie das Isolierungsmaterial zum Brandbeschleuniger wird. Für den Beitrag wurden in der Braunschweiger Materialprüfanstalt ein Zimmerbrand simuliert. Dabei wurde möglichst praxisnah vorgegangen: Wie in einem bewohnten Durchschnittszimmer lagen die 160 Millimeter dicke Dämmplatten aus Polystyrol unter einer Schicht Armierung, Putz und Anstrich. Unter einer Maueröffnung wurde dann ein Feuer entfacht, das die verheerenden Folgen der Benutzung von Styropor als Isolation im Brandfall eindrucksvoll demonstrierte. 20 Minuten hätte das sogenannte Wärmedämmverbundsystem (WDVS) eines Markenherstellers dem Feuer widerstehen sollen, statt dessen musste das Experiment nach 8 Minuten abgebrochen werden, da der Versuchsaufbau lichterloh in Flammen stand.

Zum flammenden Inferno kamen zudem noch giftige Gase, die das abtropfende Polystyrol beim Verbrennen absonderte. Uwe Zingler von der Feuerwehr Braunschweig kommentierte laut Spiegel Online: „Nach acht Minuten kann so eine Fassade schon gänzlich brennen und dann besteht die Gefahr, dass sich über die Fassade ein Dachstuhlbrand entwickelt.“

Herstellereigene Tests ergeben Brandsicherheit

Bauherren können sich mitunter dieser Gefahr gar nicht bewusst sein: Verwirrender Weise versichern ähnlich aufgebaute wissenschaftliche Tests die Brandsicherheit von WDVS mit Polystyrol. Die von den Herstellern selbst in Auftrag gegebenen Versuche der Leipziger Prüfungsanstalt für das Bauwesen und vom Materialprüfungsamt Nordrhein-Westfalen behaupten, die Brennsicherheit nachweisen zu können. „Hierbei soll gezeigt werden, dass die Flamme, die durch den Brenner erzeugt wird, nicht erheblich an der Wand hoch wandern kann, das Wärmedämmverbundsystem also quasi wenig zum Brand beiträgt“, erklärt der Leiter des NDR-Experiments, Olaf Riese von der TU Braunschweig. Fraglich ist dabei, warum die Prüfstellen das Filmen eines solchen Tests untersagte, wie der NDR berichtet.

Die unterschiedlichen Ergebnisse könnten durch minimale Unterschiede im Testaufbau entstanden sein. Der NDR bemühte sich besonders um Realitätsnähe: Das Testzimmer war nach realistischeren Bedingungen aufgebaut, beispielsweise fehlte die Brandsperre aus nicht brennbarer Mineralwolle, die beim Hausbau oft nicht berücksichtigt wird, da sie bei Einfamilienhäusern nicht zwingend vorgeschrieben ist. Erst bei einer Gebäudehöhe von 7-22 Metern sieht das Gesetz die Verwendung von Brandsperren vor, und auch dann nur, wenn die Styropordämmung eine Dicke von 100 Millimetern überschreitet. Aufgrund der Zeit- und Kostenintensität vor allem bei Fassaden mit vielen Fenstern, werden die Mineralwolle-Streifen oft einfach weggelassen. Als Alternative zur allumfassenden Brandsperre wird nicht selten „umlaufende Brandriegel“ montiert, d.h. in jeder zweiten Etage wird ein umlaufender, 20 cm breiter Riegel aus nicht brennbarer Mineralwolle eingebaut. Problem: Bricht in einem ungeschützten Zwischengeschoss ein Brand aus, kann dieser auch auf die Fassade übergehen.

Die Simulation des NDR lassen Hausbewohner jetzt aufhorchen. Auch Albrecht Broemme, Präsident des Technischen Hilfswerks, vermutet: „Wenn die Bewohner um das Brandrisiko wüssten, würden sie wohl deswegen auf die Straße gehen“. Vielleicht rückt das Thema Brandschutz durch die NDR-Dokumentation ja jetzt mehr in den Fokus von Bauherren.




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Über Sabine Wagner

Sabine Wagner ist Mitglied der immobilo-Redaktion
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