Ratgeber | Städte barrierefrei Barrierefreiheit: Problembewusstsein bei Kommunen wächst

26. Februar 2013 | von
barrierefreie Städte Barrierefreiheit: Bei den Städten wächst das Problembewusstsein. Foto: matchka / PIXELIO

Ein Gastartikel von Friederike Storch.

Ob mit dem Auto, Bus und Bahn, dem Flugzeug oder mittels eigener Füße – unterwegs zu sein gehört zum Alltag dazu. Erst, wenn die eigene Mobilität etwa durch Krankheit oder auch dem Tragen von Gepäck erschwert ist, wird deutlich, wie groß die Bedeutung von reibungsloser Fortbewegung im Leben jedes Einzelnen ist.

Vor allem für Menschen mit Behinderungen kann der Alltag so zu einer Herausforderung werden. Es ist nicht die körperliche Behinderung allein, die den Menschen einschränkt, sondern auch die Umwelt, die „behindert“: Unebene Gehwege, Treppenaufgänge an Gebäuden oder schlecht markierte Glastüren können zu schwer überwindbaren Hindernissen werden. Diese baulichen Aspekte von Barrieren werden zum Teil zusätzlich durch Siedlungsstrukturen verschärft, wenn z.B. große Discounter auf der „grünen Wiese“ den zentraler gelegenen Einzelhandel verdrängen. Für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen bedeutet das eine Zunahme an Wegstrecke und so mitunter auch eine Vermehrung möglicher Hürden.

Problembewusstsein wächst bei Städten und Kommunen

Angesichts des demografischen Wandels ist das Bewusstsein für diese Problematik gewachsen. Immer mehr Städte ergreifen Maßnahmen, um Mobilitäts- und Aufenthaltsmöglichkeiten zu steigern.

So hat die Stadt Stralsund bereits seit dem Jahr 2004 ein Zielnetz barrierefreier Wege entwickelt, das sukzessive ausgebaut wurde. Ein Spaziergang durch die mittelalterliche Altstadt mit ihrem Kopfsteinpflaster und den schmalen Gässchen war für viele Menschen besonders beschwerlich. Komplett barrierefrei ließ sich diese zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörende Stadtregion nicht umgestalten, daher richtete die Hansestadt ein Zielnetz ein, innerhalb dessen zentrale Orte und Einrichtungen barrierefrei erreichbar sind.

Förderprogramme sollen Anstöße liefern

Ein weiteres Beispiel für den Bewusstseinswandel der Städte ist das Programm „Freiraum und Mobilität für ältere Menschen in Hamburg“. In dem Programm wurden gezielt die Bedürfnisse älterer Menschen in die Gestaltung von Stadtquartieren und Freiflächen wie Straßen und Parkanlagen mit einbezogen. In zwei Modellprojekten konnten verschiedene Freiräume so umgestaltet werden, dass sie nun besser zugänglich und zudem untereinander vernetzt sind.

Neben rein baulichen gibt es auch kurzfristig auftretende Hindernisse, beispielsweise Schlaglöcher, überhängende Äste und Zweige oder kaputte Straßenbeleuchtung. Diesem Problem haben sich 37 Kommunen aus Brandenburg angenommen und das Internetportal „Maerker Brandenburg“ ins Leben gerufen. Hier können Probleme im öffentlichen Raum rund um die Uhr gemeldet werden. Die zuständigen Ämter bearbeiten die Meldungen innerhalb von drei Tagen und dokumentieren den Stand der Bearbeitung auf der Plattform.

Rechtzeitige Planung spart Kosten

Freiburg Rieselfeld

Freiburg Rieselfeld: Komplett rollstuhl- und kinderwagengerecht gebauter Stadtteil. Foto: Norbert Blau Luftfahrer / wikimedia / cc-by-sa 3.0

Fließen Maßnahmen der Barrierefreiheit übrigens von vorneherein in die Planung von Gebäuden und Stadtteilen mit ein, können nachträgliche Kosten vermieden werden. Wie eine Schweizer Studie aus dem Jahr 2004 feststellte, werde der finanzielle Aufwand für derartige Vorhaben von Planern und Bauherren meist überbewertet. Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass nur 18% der Erstellungskosten eines Gebäudes notwendig seien, um Bauten vollständig barrierefrei zu gestalten. Für nachträgliche Anpassungen an bestehenden Immobilien seien die Kosten dagegen doppelt so hoch.

Immer mehr Stadtteile werden daher bereits barrierearm geplant; ein frühes Beispiel für diese neue Kultur der Planung ist der Freiburger Stadtteil „Rieselfeld“ (Baubeginn 1993): Das gesamte Viertel ist rollstuhl- und kinderwagengerecht gebaut.

Über die Autorin:

Friederike Storch promoviert derzeit an der Universität Freiburg zum Thema „Mobilitätsmöglichkeiten körperbeeinträchtigter Senioren im öffentlichen Raum am Beispiel Freiburgs”. Dem Vorausgegangen ist ein Studium (Magister Artium) der Soziologie an den Universitäten Freiburg und Basel mit dem Studienschwerpunkt Stadtsoziologie und Methoden der empirischen Sozialforschung (quantitativ und qualitativ). Als Mitarbeitern des Rektorats der Universität Freiburg arbeitet sie im Rahmen des Projekts „Barrierefreiheit“ an der Entwicklung eines web-basierten Service-Portals für Studierende mit Behinderungen und chronischen Krankheiten.

Themenmonat Barrierefreiheit 

Dieser Artikel ist Teil des Themenmonats Barrierefreiheit. Weitere Artikel zum Thema finden Sie hier.



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