Wohnen | Interview “Deutschland ist in Sachen Barrierefreiheit noch am Anfang”

27. Februar 2013 | von

Deutsche Kommunen sind in Sachen Barrierefreiheit auf einem guten Weg, findet die Stadtsoziologie-Doktorantin Friederike Storch. Welche Probleme dringend angegangen werden welche überraschenden Ergebnisse ihre Forschungsarbeit zutage gefördert hat.

Frau Storch, mit Freiburg verbindet man Schwarzwald, Sonne und Studentenleben, die Stadt gilt als „junger Ort“. Vor allem die schöne Altstadt mit Kopfsteinpflaster und Bächle laden zu einem Stadtbummel ein. Gleichzeitig sind diese reizvollen Merkmale für einige jedoch ein schwer überwindbares Hindernis. Welche besonderen Herausforderungen stellt die Stadt Freiburg für körperlich eingeschränkte Menschen?

Gerade die mittelalterliche Altstadt ist ein Problemschwerpunkt für mobilitätseingeschränkte Menschen; die in der Stadt überall verlaufenden Bächle und das sogenannte grobe „Katzenkopfstein“-Pflaster bereiten mobilitätseingeschränkten Menschen besondere Schwierigkeiten.
Wie in anderen Städten vergleichbarer Größe gibt es darüber hinaus auch in Freiburg typische Barriere-Probleme, beispielsweise mit den Straßenbahnen. Nur ein Teil der Fahrzeuge bietet einen niedrigen Einstieg, außerdem sind die Türen für Sehbehinderte aufgrund von Werbebannern oft schwer zu erkennen.

Bächle in Freiburg: Typisch für die Innenstadt, aber potenzielle Barriere. Foto: Flominator / wikimedia / cc-by-sa 3.0

Bächle in Freiburg: Typisch für die Innenstadt, aber potenzielle Barriere. Foto: Flominator / wikimedia / cc-by-sa 3.0


Gerade die Bächle sind unverwechselbare Markenzeichen für Freiburg. Ist es denkbar, dass Bächle und die gepflasterte Innenstadt einer barrierefreien Innenstadt weichen?

Nein, das ist wie in jeder anderen denkmalgeschützten Altstadt nicht möglich. Allerdings können oft auch kleine Maßnahmen etwas bewirken. So gibt es etwa seit letztem Jahr einen rollstuhlgerechten Zugang zum Freiburger Münster, der aus flachen Rheinkieseln besteht und so auch ästhetisch voll ins mittelalterliche Stadtbild passt.

Sie haben sich im Rahmen mehrerer Forschungsarbeiten auch mit der Barrierefreiheit anderer deutscher Städte beschäftigt. Ist Deutschland in Sachen Barrierefreiheit auf einem guten Weg?

Deutschland ist sicher auf einem guten Weg, allerdings im Vergleich zu den USA, dem Vorreiter in puncto Barrierefreiheit, noch am Anfang. Angesichts des demographischen Wandels hat sich in den letzten Jahren aber auch hier ein Bewusstsein entwickelt, dass der Abbau von Hindernissen keine Kür, sondern eine Pflicht ist. Nun entstehen in Deutschland die ersten Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet, die Maßnahmen zur Barrierefreiheit in Städten begleiten und bewerten. Dies trägt maßgeblich zum Bewusstseinswandel bei; aber auch die Stimmen der Betroffenen sind in den letzten Jahren lauter geworden und werden ernster genommen.

Wie reagiert die Stadtverwaltung von Freiburg auf Ihre Forschungsergebnisse? Sind konkrete Projekte geplant, um die Situation eingeschränkter Menschen zu verbessern?

Die Verwaltung steht meinem Projekt aufgeschlossen gegenüber: Mein Erstbetreuer, Prof. Wulf Daseking, ist auch der ehemalige Stadtplanungsamtsleiter Freiburgs. Erste Ergebnisse wurden von allen Seiten interessiert aufgenommen. Ob ich mit meiner Arbeit konkrete Projekte anstoßen kann, bleibt bis zur Veröffentlichung im Jahr 2014 abzuwarten.

Die EU zeichnet Städte, die sich für Barrierefreiheit engagieren, regelmäßig mit Preisen aus. In den überregionalen Medien wird dies jedoch selten thematisiert. Denken Sie, dass die Problematik dennoch in der Gesellschaft angekommen ist? Gerade die letzten Paralympics sind ja ein positives Beispiel.

Bis etwas in der Gesellschaft angekommen ist, braucht es in der Regel einige Zeit. Wir befinden uns sozusagen im ersten Streckenabschnitt eines längeren Weges. Das Interesse an den Paralympics machte sehr deutlich, dass Behinderungen inzwischen kein Stigma mehr darstellen, sondern dass mit diesem Thema insgesamt offener umgegangen wird. Aber die Menschen sind mit körperbeeinträchtigten Personen zu selten konfrontiert. Das liegt eben auch daran, dass die Innenstädte als Orte demokratischer Stadtkultur zugleich auch Orte sind, von denen einige Menschen ausgeschlossen sind, weil sie die Wege hier einfach nicht bewältigen können.

Welche Probleme müssen in Deutschlands Städten besonders dringend angegangen werden?

Das sind zum einen vor allem Probleme, die durch Gedankenlosigkeit oder Unwissen hervorgerufen werden. Mit Putzutensilien vollgestellte Behindertentoiletten in öffentlichen Gebäuden, nicht oder schlecht markierte Glastüren sowie durch Werbetafeln oder Bestuhlung blockierte Gehwege sind Beispiele dafür. Wenn die Verantwortlichen über die daraus entstehenden Probleme informiert werden, zeigt sich oft, dass es einfache und unkomplizierte Lösungen gibt, die für alle Beteiligten annehmbar sind.

Barrierefreie Dusche: Mit dem Universal Design Award ausgezeichnet.

Barrierefreie Dusche: Mit dem Universal Design Award ausgezeichnet. Foto: HEWI Heinrich Wilke GmbH

Zum anderen sehen manche Planer und Praktiker in Barrierefreiheit noch immer einen Widerspruch zur Ästhetik. Eine solche Sichtweise entspricht jedoch schon länger nicht mehr aktuellen Entwicklungen, wie der Trend weg vom „Rampen-Image“ der Barrierefreiheit hin zu einem „Design für alle“ zeigt. In Deutschland werden Produkte und Bauvorhaben, die nicht nur für Personen mit Behinderung, sondern ausdrücklich für alle Menschen besonders gut nutzbar sind, seit 2008 mit dem Universal Design Award ausgezeichnet. Das ist eine gute Methode, um Zugänglichkeit salonfähig zu machen.

Welche Menschen haben besonders Schwierigkeiten mit eingeschränkter Barrierefreiheit?

Pauschal lässt sich das nicht beantworten. Was für den einen Rollstuhlfahrer eine Barriere darstellt, muss für den anderen nicht unbedingt eine sein. Barrieren werden je nach Alter, Art und Anzahl der Behinderungen und vor allem auch gemäß individueller Kompetenzen wahrgenommen und bewertet. Eine besondere Problemgruppe kann man jedoch ausmachen, nämlich die der Mehrfachbehinderten. In den kommenden Jahren wird deren Anteil infolge der Überalterung weiter steigen.

Gibt es Ihrer Meinung nach eine Stadt oder ein Projekt, welches in Deutschland in Sachen Barrierefreiheit besonders herausragt?

Das „Zielnetz barrierefreier Wege“ in Stralsund ist ein besonders gelungenes Projekt. In der zum Weltkulturerbe gehörenden Altstadt wurden zahlreiche Barrieren entlang eines Wegnetzes zu den wichtigsten und beliebtesten Einrichtungen der Stadt entfernt, ohne den Stadtgrundriss zu beeinträchtigen. Das Projekt hat bewiesen, dass Denkmalschutz und Zugänglichkeit sich nicht ausschließen müssen.

Das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fördert im Rahmen des Programmes “Zuhause im Alter – Soziales Wohnen” selbstständiges und selbst bestimmtes Wohnen. Sind die Anstrengungen des Bundes Ihrer Meinung nach ausreichend?

Selbstbestimmtes Wohnen im Alter ist eine ganz besonders wichtige Voraussetzung für Selbstständigkeit und damit auch für Lebensqualität. Inzwischen gibt es zahlreiche Initiativen des Bundes und der Länder, die sich mit dem Themenbereich „Wohnen und Mobil sein im Alter“ beschäftigen. Erst kürzlich veranstaltete z.B. das Sozialministerium Baden-Württemberg den Fachkongress „mobil, aktiv, beteiligt“ zum Thema Seniorenmobilität, außerdem gibt es eine ganze Reihe von Projekten, die sich auch mit altengerechten Infrastrukturen befassen, etwa das Programm “Soziale Stadt – Investitionen im Quartier” des Bundes. Neben Aufklärungsarbeit findet in derartigen Projekten häufig auch eine Kooperation mit lokalen Akteuren statt, um passgenaue Lösungen für die jeweilige Stadt zu finden. Es ist dabei immer ratsam, Betroffene in diese Projekte einzubinden, denn diese wissen meist am besten, welche Maßnahmen ergriffen werden sollten.

Erzählen Sie uns mehr zu Ihrer Forschungsarbeit: Mit welcher Motivation sind Sie an Ihre Dissertation gegangen und was wollen Sie erreichen?

Es gibt zwei Gründe, warum mich die Barrierefreiheit in Städten seit meiner Examensarbeit beschäftigt. Zum einen möchte ich einen Beitrag dazu leisten, gesellschaftliche Schieflagen gerade zu rücken. Wenn Menschen aus dem alltäglichen Leben teilweise ausgeschlossen sind, so wie eben Mobilitätseingeschränkte, dann muss man genauer hinsehen, um die Ursache zu finden und Lösungen vorzuschlagen Ich hoffe, dass meine Ergebnisse nicht nur in Freiburg, sondern auch in anderen Städten vergleichbarer Größe aufgenommen werden.
Zum anderen interessieren mich Städte. Man kann viel über soziale Verhältnisse erfahren, wenn man sich das Stadtbild einer Ortschaft ansieht; nicht umsonst werden Städte ja auch als „Gebaute Gesellschaft“ bezeichnet.

Welches Ergebnis ihrer Dissertation hat Sie besonders überrascht, sowohl positiv als auch negativ?

Für mein Projekt habe ich Interviews mit körperlich beeinträchtigten Senioren geführt. Es war erstaunlich, wie zufrieden die meisten mit ihrer Lebenssituation waren. Dabei gab es Personen, die bei Schnee z.B. tagelang das Haus nicht verlassen konnten oder auf dem Weg zu alltäglichen Erledigungen starke Schmerzen hatten. Diese Haltung ist einerseits ein Resultat des Alters an sich: Natürlich wird man genügsamer. Man erwartet als 83-Jährige ja nicht mehr, wie eine 25-Jährige durchs Leben zu gehen. Es ist aber auch eine Einstellung, die sich insbesondere in der jetzigen Altengeneration finden lässt. Diese Menschen haben den Krieg und die schweren Hungerjahre danach erlebt. Auch alles Klagen half damals nichts. Man versuchte mit dem, was man hatte, zufrieden zu sein. Und genau diese innere Einstellung macht sich auch heute noch bemerkbar, wenn es um Probleme mit z.B. der eigenen Lebenssituation geht.

Nehmen Sie den öffentlichen Raum anders wahr, als vorher?

Ja, das ist inzwischen eine regelrechte Déformation professionnelle. Wenn ich in eine andere Stadt komme, schaue ich automatisch nach Blindenampeln, rollstuhlgerechten Zugängen zu Gebäuden und suche unwillkürlich nach mögliche Hindernissen.

Hat sich Ihr Bild von eingeschränkten Menschen geändert?

Es hat sich nicht geändert, aber vertieft. Ich finde es beeindruckend, mit welchen Mehraufwand manche Körperbehinderten fertig werden, um einen Weg zu bewältigen. Ich habe erblindete Menschen kennengelernt, die Tage im Voraus unbekannte Gegenden erkunden, bevor sie dort einen Termin haben, und sich die Gestalt des Raumes sofort einprägen. So beugen sie möglichen Problemen vor. Behinderte Menschen werden oft in ihren Kompetenzen unterschätzt, das finde ich ziemlich diskriminierend. Das ist aber trotzdem kein Grund, warum man den öffentlichen Raum nicht noch verbessern sollte.

Frau Storch, wir bedanken uns für das Gespräch.

Friederike Storch promoviert derzeit an der Universität Freiburg zum Thema „Mobilitätsmöglichkeiten körperbeeinträchtigter Senioren im öffentlichen Raum am Beispiel Freiburgs”. Dem vorausgegangen ist ein Studium (Magister Artium) der Soziologie an den Universitäten Freiburg und Basel mit dem Studienschwerpunkt Stadtsoziologie und Methoden der empirischen Sozialforschung (quantitativ und qualitativ). Als Mitarbeitern des Rektorats der Universität Freiburg arbeitet sie im Rahmen des Projekts „Barrierefreiheit“ an der Entwicklung eines web-basierten Service-Portals für Studierende mit Behinderungen und chronischen Krankheiten.

Themenmonat Barrierefreiheit 

Dieser Artikel ist Teil des Themenmonats Barrierefreiheit. Weitere Artikel zum Thema finden Sie hier.



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