Interview | Interview mit Raul Krauthausen “Auf Barrierefreiheit müssen wir immer hinarbeiten”

12. März 2013 | von
Berliner Fernsehturm Aus Brandschutzgründen können Rollstuhlfahrer nicht auf den Berliner Fernsehturm. Foto: Marcel Erler / PIXELIO

Die Wheelmap bietet eine Übersicht über rollstuhlgerechte Orte weltweit, die auch per App genutzt werden kann. Die Bewertung von Orten als “rollstuhlgerecht” erfolgt durch die Nutzer – jeder kann mitmachen und die Karte komplettieren. Aus der Taufe gehoben wurde die Wheelmap im Jahr 2010 durch Raul Krauthausen, der sich Zeit für ein Interview mit uns nahm.

Herr Krauthausen, die Ursprungsidee von Wheelmap ist gut dokumentiert: Sie haben sich mit einem Freund stets im gleichen Café getroffen, weil es im Gegensatz zu anderen barrierefrei war. Wie lang dauerte es von der ersten Idee bis zur fertigen Wheelmap?

Die Idee zur Wheelmap hatten Holger Dieterich und ich im Sommer 2010, aber bis die erste Version online gegangen ist, verging ein halbes Jahr. Denn es gab schon viele Sachen, die man beachten musste. Neben der technischen Seite, dass es für die spätere freie Verfügbarkeit wichtig ist, mit dem Kartenmaterial der OpenStreetMap zu arbeiten, mussten wir auch darüber nachdenken, was wollen wir anzeigen und wie sollen die Nutzer bewerten? So haben wir uns dafür entschieden, dass Nutzer die Orte nicht nach ihrer Barrierefreiheit bewerten, sondern nach ihrer Zugänglichkeit. Denn zur Barrierefreiheit gehört mehr als nur der stufenlose Eingang. Der Kunde eines Ladens kann eine Stufe erkennen, aber nicht unbedingt, ob es besondere Vorrichtungen für Gehörlose Menschen gibt und Speisekarten in Brailleschrift. Deswegen haben wir uns auf den Punkt der Rollstuhlgerechtigkeit beschränkt und wollen dadurch ein kleines Puzzleteil zum großen Mosaik der Barrierefreiheit hinzufügen.

Können Sie sagen, wie häufig die Wheelmap zum Beispiel auf Smartphones im Alltag genutzt wird?

Genaue Zahlen haben wir dazu nicht, weil wir Suchen und ähnliches nicht speichern. Wir sehen aber, dass jeden Tag mehr als 300 Orte hinzugefügt oder markiert werden und ein Teil davon auch über Smartphones wie das iPhone oder Android-Geräte.

Das Echo auf die Wheelmap ist in den Medien durchweg positiv. Wie sieht es dagegen mit den bewerteten Orten aus: Gibt es Berichte, dass „teilweise rollstuhlgerechte“ oder „nicht-rollstuhlgerechte“ Orte etwas gegen die vorhandenen Barrieren (beispielsweise Stufen) unternommen haben?

Ab und zu bekommen wir Mails von Läden, die sich eine Rampe geholt haben nachdem sie gesehen hatten, dass sie auf der Wheelmap als rot (nicht rollstuhlgerecht) gekennzeichnet wurden. Einige bitten uns dann, den Status zu ändern. Wir weisen dann aber immer darauf hin, dass jeder selbst den Status ändern kann, aber wir helfen gerne dabei. Ein sehr schönes Beispiel habe ich im letzten Jahr gehört, als Witten in Nordrhein-Westfalen mit Hilfe der Wheelmap ihre Innenstadt rollstuhlgerechter gestalten wollte.

Ist den Betreibern von Cafés und Läden bewusst, ihre Räumlichkeiten barrierefrei zu gestalten?

Das ist schwer zu sagen. Statistisch gesehen haben zwischen acht und zehn Prozent der Bevölkerung eine Behinderung, aber es ist ja nicht so, dass in Cafés oder Restaurants jeder Zehnte eine Behinderung hat. Viele Ladenbetreiber haben vielleicht noch nie über die Stufe am Eingang nachgedacht und ein Rollstuhlfahrer konnte sich nicht beschweren, weil er ja nicht in das Lokal kommt. Bei anderen wiederum sehen wir auch den Willen, aber das große Wort “Barrierefreiheit” schreckt dann auch ab und es wird aufs Geld geschaut. Hier würde ich mir wünschen, dass auch von staatlicher Seite ein Ladenbetreiber Unterstützung erfährt und vielleicht Subventionen für eine Rampe bekommt, wie es ja auch bei den Solar-Anlagen der Fall war.

Mit dem Projekt „Tausendundeine Rampe für Deutschland“ sollen nicht rollstuhlgerechte Orte mit mobilen Rampen ausgestattet werden. Wird diese Info  in die Wheelmap-Bewertung einfließen? Gibt es Updates auf Wheelmap, wenn ein mobiler bzw. dauerhafter Umbau erfolgt ist?

Im letzten Dezember haben wir gemeinsam mit der Crowdinvestment-Firma BERGFÜRST Geld für 200 Rampen gesammelt und diese wollen wir jetzt verteilen. Dafür kann jeder auf www.tausendundeinerampe.de Orte verschlagen, die eine Rampe bekommen sollen. Wenn dann ein Ort eine Rampe erhält oder von selbst aus, den Zugang erleichtert, dann können die Informationen auf Wheelmap.org ganz einfach aktualisiert werden und ein rot markierter Ort, kann dann beispielsweise als gelb (teilweise rollstuhlgerecht) gekennzeichnet werden mit der Information, dass der Laden eine Rampe hat.

Das Thema Barrierefreiheit rückt durch den demografischen Wandel zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit. Wie ist Ihre Erfahrung mit öffentlichen Einrichtungen? Sind diese tatsächlich barrierefrei, wie es das Behindertengleichstellungsgesetz verlangt?

Nicht rollstuhlgerecht: Berliner Fernsehturm

Nicht rollstuhlgerecht: Berliner Fernsehturm. Foto: Screenshot wheelmap.org

Das ist schwer im Allgemeinen zu beurteilen. Für mich persönlich ist das Thema Barrierefreiheit ein sehr großes Ziel, auf das wir immer hinarbeiten müssen und es vielleicht nie ganz erreicht werden kann. Bei öffentlichen Einrichtungen sehe ich aber sehr oft, dass besonders bei Umbauten auf Barrierfreiheit geachtet wird und es mal mehr und mal weniger gelingt. Aber das ist nur ein Teil des Lebens. Mich stört es eher, dass verschiedene Gesetze oder Richtlinien dem Behindertengleichstellungsgesetz entgegenarbeiten, wie beispielsweise der Brandschutz. Warum kann ich als Rollstuhlfahrer immer noch nicht auf den Fernsehturm oder mehrere Rollstuhlfahrer nicht in den gleichen Kinosaal? Und die Antwort auf solche Fragen darf nicht mehr stur “Brandschutz” sein. Da hilft aber leider auch kein Behindertengleichstellungsgesetz, sondern nur die Kommunikation und Kompromissbereitschaft vor Ort.

Als Croudsourcing-Projekt für Internet und Smartphone-Apps richtet sich Wheelmap an eine internetaffine Zielgruppe. Gibt es Pläne, dass die Wheelmap als Basis für andere Medien, zum Beispiel Stadtpläne, dient?

Es wäre sehr schön, wenn solche Projekte auf Basis der Wheelmap entstehen würden. Aus diesem Grund haben wir uns von Anfang an für die OpenStreetMap entschieden, denn unsere Informationen fließen in die Onlinekarte und können dann wieder von anderen Projekten genutzt werden, sofern die Lizenzbestimmung der OSM eingehalten werden. Ich glaube aber, dass es immer weniger eine “internetaffine Zielgruppe” gibt, weil sich die Internetnutzung oder auch die Bedienung von Smartphones immer mehr vereinfacht und leichter verstanden wird. Wir stehen bei digitalen Kartenprojekten noch ganz am Anfang.

Wer bewertet die Orte auf der Wheelmap? Vorrangig Rollstuhlfahrer oder auch Menschen ohne Behinderung? Wird dabei eher per App bewertet oder mit der Web-Version?

Wir können nicht erkennen, ob ein Ort von einem Rollstuhlfahrer markiert wurde oder nicht und das war uns von Anfang an auch wichtig und auch der Grund, dass wir von “Rollstuhlgerechtigkeit” statt “Barrierfreiheit” sprechen. Denn eine Stufe oder Treppe kann jeder erkennen, bei anderen Merkmalen kann es schon schwieriger werden. Zudem soll Wheelmap nicht nur Rollstuhlfahrern helfen, sondern auch Familien mit Kinderwagen oder älteren Menschen mit Gehhilfen.

Der Großteil der Orte wird weiterhin über die Webversion markiert oder hinzugefügt. Obwohl der Anteil von iPhones oder Android-Handy an Markierungen wächst.

Die internationale Expansion der Wheelmap ist bereits im Gange. Gibt es dabei Regionen, die besonders gut oder besonders schlecht dokumentiert sind?

Unsere Karte ist zurzeit in 21 Sprachen verfügbar und in Deutschland sind besonders Ballungsräume, wie Berlin, München, Hamburg und Köln gut erfasst. Dazu kommen Regionen in denen Gruppen mit der Wheelmap-Aktionen gestartet haben, beispielsweise in Fulda oder im österreichischen Klagenfurt. Dort hat eine Gruppe von Ergoherapeuten das Projekt “ergo goes wheelmap” gegründet und ein Jahr lang Orte markiert. Schlecht dokumentierte Regionen können wir nicht benennen, weil jeden Tag über 300 Orte neue Orte hinzukommen, aber 300.000 markierte Orte nur ein kleiner Teil sind. Trotzdem kann uns eine Berichterstattung vor Ort helfen, neue Regionen zu erfassen, die davon noch nichts von der Wheelmap gehört haben. So sind auch Japan und Italien gut dabei, weil dort mehrere Medien über das Projekt berichtet haben.

Die Wheelmap richtet sich an Rollstuhlfahrer, Personen mit Rollatoren oder Familien mit Kinderwägen. Das Thema „Barrierefreiheit“ umfasst aber noch andere Einschränkungen, beispielsweise Blindheit. Können Sie sich vorstellen, dass die Wheelmap auch diese Bereiche abdeckt?

Mit der Wheelmap wollen wir ein zusätzliches Informationsangebot schaffen und sind uns auch bewusst, dass es nicht jeden Menschen im gleichen Umfang hilft. Aber wir haben auch gelernt, dass man Komplexität verringern muss, um die Motivation der Mapper hochzuhalten. Im Fall von Menschen mit Sehbeeinträchtigungen haben wir uns die Frage gestellt, ob eine Karte das Problem löst oder ob es nicht andere Lösungen geben muss. Wir kennen beispielsweise das Projekt “Blindmap” und auch die arbeiten mit den Daten der OpenStreetMap und somit können sie auch auf unsere Informationen zugreifen. Ich glaube, dass das Netz uns die Möglichkeit gibt, individueller auf Probleme einzugehen und man somit nicht mehr die eine eierlegende Wollmilchsau entwickeln muss. Das würde unsere Kapazitäten auch übersteigen.

Herr Krauthausen, wie danken Ihnen für das Interview.

Der 1980 in Lima geborene Raul Krauthausen ist “Erfinder” des Open-Data-Projekts Wheelmap des Berliner Vereins Sozialhelden e.V. Wegen seiner Erkrankung an der “Glasknochenkrankheit” ist Raul selbst auf einen Rollstuhl angewiesen und engagiert sich für mehr Barrierefreiheit im Alltag. Mit der Aktion “Tausendundeine Rampe für Deutschland” wurde erst kürzlich eine neue Initiative ins Leben gerufen.
Foto: sozialhelden e.V.
"Auf Barrierefreiheit müssen wir immer hinarbeiten", 5.0 out of 5 based on 1 rating

Themenmonat Barrierefreiheit 

Dieser Artikel ist Teil des Themenmonats Barrierefreiheit. Weitere Artikel zum Thema finden Sie hier.



Artikel bewerten und teilen:
VN:F [1.9.19_1165]
1
Dieser Beitrag wurde unter Interview abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title="" rel=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>