Wohnen | Wohnungsleerstand Leerstand in Zeiten von Wohnungsnot – wie passt das zusammen?

18. März 2013 | von
Der Leerstandsmelder informiert über vergügbare Wohnungen. Der Leerstandsmelder informiert über vergügbare Wohnungen. Foto: Screenshot

In vielen Deutschen Großstädten ist der Wohnraum derzeit knapp – gleichzeitig stehen oft ganze Gebäude leer, verfallen und werden schließlich abgerissen. Ein Widerspruch in sich, finden auch die Initiatoren der Online-Plattform leerstandsmelder.de. Das Anliegen der Plattform ist es in erste Linie, auf die Verschwendung städtischer Ressourcen aufmerksam zu machen. Aber auch die Städte sozialer, gerechter und vielfältiger zu gestalten. Die Initiative gründete sich bereits vor mehr als zwei Jahren in Hamburg. Inzwischen gibt es den Leerstandsmelder in 10 Städten in Deutschland und Österreich. Darunter Berlin, Wien Bremen, Frankfurt und Bonn. Das Prinzip der Plattform ist dabei einfach: Jeder Bürger kann auf einer interaktiven Karte vermerken, wo es in der Stadt leer stehende Gebäude gibt. Diese Gebäude sind dann für alle Nutzer sichtbar. Zusätzlich können auch Fotos oder Beschreibungen über das Objekt hochgeladen oder Vorschläge veröffentlicht werden, wie der Leerstand aus Sicht der User sinnvoll genutzt werden kann. Leerstandsmelder als Ideenpool Die Initiatoren des Portals sehen ihre Aufgabe weniger in der konkreten Umsetzung von Ideen, sondern vielmehr darin, in der Bevölkerung das Bewusstsein dafür zu schaffen, wie viel ungenützter Raum in der Stadt eigentlich vorhanden ist. Außerdem sollen gemeinsam Entwürfe gesammelt werden, wie der Leerstand genutzt und Städte gestaltetet, werden können. Ein großes Anliegen der Web-Aktivisten ist es zudem, Transparenz zu schaffen. Das Modell zeigt auch auf, wie Bürgerbeteiligung 2.0 aussehen kann. An die Stelle von lokalen Initiativen treten übergreifende Netzwerke und Aktionismus wird durch Projekte mit Signalwirkung ersetzt. Auch das Medienecho, das die Leerstandsmelder-Community hervorgerufen hat, ist beachtlich. So berichteten bereits mehrere TV-Sendungen und News-Portale über den Leerstandsmelder. Leerstand als Problem der Stadtplanung

Leerstandsquote von Wohnungen in Deutschland 2010.

Leerstandsquote von Wohnungen in Deutschland 2010. Datenquelle: Statistisches Bundesamt

Auch Stadtplaner wissen, dass Leerstand dem Stadtbild und -Image schadet. Zwar ist Leerstand vielerorts meldepflichtig, jedoch ist es schwer, tatsächlich gegen die Eigentümer vorzugehen. Meist fehlt diesen schlichtweg das Geld, um die Objekte instand zu halten. So passiert es, dass vor allem Industriegebäude, aber auch Wohnungen Jahrzehnte lang ungenutzt bleiben und dabei Zusehens verfallen. So sagte die Dortmunder Stadtplanerin Susanne Linnebach in der ARD-Ratgeber-Sendung „Haus und Garten“, dass den Kommunen insgesamt die Hände gebunden seien. Aktiv vorgegangen werden gegen den Leerstand könne erst dann, wenn vom betroffenen Gebäude Gefahren ausgingen. Allerdings bleibt auch dann die Frage nach den Kosten. Wenn der Investor beispielsweise pleite ist, dann kommt letztlich der Steuerzahler für die Instandsetzung auf. Trotzdem haben die Bürger meist wenig Mitspracherecht, was die Nutzung von leer stehenden Gebäuden und Brachflächen anbelangt. Fehlende Bürgerbeteiligung kann auch für Stadt und Investoren „ins Auge gehen“ Eine frühzeitige Bürgerbeteiligung kann dabei auch für Stadt und Behörden viel Ärger verhindern. Dies zeigt sich beispielsweise aktuell im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg in Berlin. Im, bei Touristen wie Einheimischen beliebten Stadtteil, werden Bauvorhaben gerade deswegen oft jahrelang nicht umgesetzt, weil der Fehler gemacht wurde, die Bürger vor vollendete Tatsachen zu stellen. Um so größer ist der Widerstand meist im Nachhinein. Beispiel Media Spree Bekanntestes Beispiel dafür sind die Proteste gegen die Bebauung des Spreeufers, die hauptsächlich von der Initiative „Mediaspree versenken“ ausgingen. Seit Jahren liegen sich Senat, der Bezirk und die Berliner Bürger darüber in den Haaren, wie das Spreeufer gestaltet werden soll. Bereits 2002 war ein Flächennutzungsplan verabschiedet wurden, der bislang jedoch nur zu einem Bruchteil umgesetzt werden konnte. Zu heftig waren die Proteste von Bürgerseite. Nicht selten ziehen sich Investoren sogar zurück, weil sie Aufruhr in der Bevölkerung befürchten. So etwa bei der Zwischennutzung der Brachfläche in der Cuvrystraße in Kreuzberg. Im letzten Jahr scheiterte hier das Projekt „BMW Guggenheim Lab“. Die New Yorker Guggenheim-Stiftung nahm Abstand von einem Vorhaben, das vorsah, über die Sommermonate im vergangenen Jahr, mit Künstlern und Aktivisten über „urbanes Leben der Zukunft“ zu diskutieren. Der Grund waren Drohungen aus der linken Szene, das Projekt zu sabotieren. Kein Einzelfall: Bereits beim Bau von der O2-Arena und exklusiven Loftwohnungen war es zu Ausschreitungen gekommen. Die fehlende Akzeptanz in der Bevölkerung wird so zum andauernden Problem für die deutsche Hauptstadt. Auch der Bundesfinanzhof hat sich kürzlich mit der Leerstandsproblematik auseinandergesetzt und mit einem Urteil Schlupflöcher geschlossen. So können Vermieter die Kosten für leerstehende Wohnungen nicht mehr von der Steuer absetzen. Genau um solche Konflikte zu vermeiden, sehen die Online-Aktivisten vom Leerstandsmelder Informations- und Diskussionsbedarf, und zwar im Voraus. Nur so kann das Ziel Städte gemeinschaftlich als bunten und sozialen Lebensraum zu gestalten, erreicht werden.

Themenmonat Mieternation Deutschland 

Dieser Artikel ist Teil des Themenmonats Mieternation Deutschland. Weitere Artikel zum Thema finden Sie hier.



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Über Sabine Wagner

Sabine Wagner ist Mitglied der immobilo-Redaktion
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