Hertie, Woolworth und Adessa drohen massenhafte Filialschließungen

16. April 2009 | von

Abwrackprämie für alte Kleider und Hosen – vielleicht wäre das eine Maßnahme um den deutschen Einzelhandel in Zeiten der Wirtschaftskrise wieder auf Vordermann zu bringen. Dieser ist nicht davor gefeilt, ebenfalls Opfer der Rezession zu werden und verabschiedet sich langsam aber stetig von immer größeren und traditionsreichen Namen wie Hertie, Woolworth oder Adessa.

„Zum Glück gibt´s Hertie“ so der Slogan der Essener Warenhauskette – für die 2800 Mitarbeiter derzeit alles andere als Glück. Bedenkt man den seit acht Monaten anhaltenden Insolvenzmarathon, gehen viele der Angestellten auf seelischem Zahnfleisch und fordern vehement eine Entscheidung pro Hertie. Derzeit streiten sich investitionswillige Geldgeber aus der Schweiz mit dem britischen Eigentümer um den Erhalt der Warenhauskette. Der leitende Insolvenzverwalter Biner Bähr verlangt eine Klärung und wirft dem Eigentümer der Hertie-Immobilien und der Hertie GmbH, Mercatoria Acquisitions (MABV), vor, durch überhöhte Mieten die Insolvenz des Unternehmens forciert zu haben. Mittlerweile wurden 11 von 63 Immobilien abgestoßen – Bähr verlangt den Verkauf von mindestens vier Dutzend der bestehenden Hertie-Häuser, nur so kann das Unternehmen überleben. Hoffentlich einigt man sich schnell – ganz im Sinne des Slogans „zum Glück bleibt Hertie“.

Solch ein Überlebenskampf steht nun auch 11.000 anderen Beschäftigten aus dem Einzelhandel bevor – die Billigkaufhauskette Woolworth Deutschland hat Insolvenz beantragt und steht vor dem Aus. Seit mehr als 80 Jahren prägt der überdimensionale rote Schriftzug die deutschen Einkaufspassagen – ein Verschwinden dieser Marke ist nur schwer vorstellbar. Der vorläufige Insolvenzverwalter, Ottmar Hermann, macht den Mitarbeitern aber Hoffnung. „Wir sind in der komfortablen Lage, dass wir über Mittel verfügen, dass die Arbeit weitergehen kann“, so Hermann. 311 Filialen in Deutschland und Österreich hoffen nun, dass sich Hermanns Hoffnung bewahrheitet und der Branchenkoloss rechtzeitig die Kurve kriegt. Schließungen und Kündigungen werden aber bei allem Beten nicht ausbleiben.

Diesen Schritt hat die insolvente Modekette Adessa bereits eingeleitet und meldet die Schließung von 47 Geschäften. Das sind rund ein Drittel der 130 Filialen. Laut des Insolvenzverwalters werden nur Standorte in Deutschland geschlossen, da davon auszugehen ist, dass diese in Zukunft keine schwarzen Zahlen schreiben werden. Wie es für die Mitarbeiter weitergeht, steht derzeit noch nicht fest, sicher ist nur eins: die Filialen werden bis Ende Juni geschlossen.

Diese unheilbringenden Nachrichten werden vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) mit großer Sorge beobachtet und kommentiert. In den Augen von HDE-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr sind die Pleiten von Hertie und Woolworth nur die Spitze des Eisbergs. Er gehe davon, dass mehr als 5000 mittelständische Einzelhändler in diesem Jahr „die Waffen strecken werden“. Als Hauptgrund für den möglichen Exodus sieht er die zu hohen Ladenmieten für Einzelhändler. Mittlerweile werden Rufe laut, flexible Mieten einzuführen, um finanzielle Spielräume für die Einzelhändler zu ermöglichen. Ob dies bei den Vermietern gut ankommen wird, steht in den Sternen. Sicher ist nur ein: das traditionelle Gesicht deutscher Einkaufspassagen bekommt dieses Jahr ein unfreiwilliges Facelifting – ob es danach schöner ist, bleibt abzuwarten.


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