Wohnen | Barrierefreiheit Demografischer Wandel: Barrierefreie Immobilien werden immer wichtiger

12. April 2013 | von

Selbstbestimmt leben in den eigenen vier Wänden wohnen, wie es einem gefällt: So stellen sich viele den Alltag vor. Ältere Menschen, Pflegebedürftige oder solche mit Behinderungen können oft nicht alleine leben, weil Immobilien und Wohnraum für ihre Bedürfnisse nicht angepasst sind. Viele Städte gehen gegen diese Verhältnisse an – auch Wiesbaden.

Um Barrierefreiheit zu schaffen, werden in Wiesbaden zum Teil Wohnungen aus dem Bestand saniert. Das ist gerade für ältere Menschen ein Vorteil, da sie ihre gewohnte Umgebung nicht verlassen müssen und dennoch in die Situation versetzt werden, ihr Leben wieder einfacher angehen zu können. Doch nicht nur für Senioren ist das ein großes Thema: Pflegefälle, Rollstuhlfahrer und andere, in ihren Bewegungen eingeschränkte Menschen wünschen sich Wohnraum, der an ihre Umstände angepasst ist.

Für Menschen, die körperlich eingeschränkt sind, ist es oftmals noch schwerer, eine Wohnung zu finden, die nicht nur kostengünstig, sondern auch barrierefrei gebaut ist. Derzeit entsprechen deutschlandweit noch zu wenige Wohnungen barrierefreien Standards, doch ein Bewusstseinswandel ist deutlich sichtbar. So setzt sich Wiesbaden inzwischen verstärkt für den Bau von barrierefreien Wohneinheiten ein.

Preiswerter Wohnraum für alle

Aufgrund des demografischen Wandels und des Mangels an bezahlbaren barrierefreien Wohnraum wurde in Wiesbaden gerade erst ein Projekt abgeschlossen, dass genau diese Art von Wohnungen anbietet. Ein Jahr lang wurde in Erbenheim an den neuen Wohnungen gebaut, jetzt sind die 26 barrierefreien Einheiten fertiggestellt und warten auf ihre neuen Mieter.

Das Projekt besticht insbesondere durch die günstigen Mietpreise, die bei etwa sechs Euro pro Quadratmeter liegen. Das ist ungewöhnlich für Wiesbaden, wo sich zahlreiche Immobilien mit Quadratmeterpreisen von bis zu zehn Euro und mehr finden. Die Wohnungen wurden eigens für Menschen gebaut, die trotz eines Handicaps selbstbestimmt leben wollen. Vermietet wird daher auch nur an diejenigen, die einen Anspruch auf öffentlich geförderten Wohnraum haben.

Beim Bau wurde aber an alle gedacht: Zur Auswahl stehen Appartments mit 50 m² Wohnfläche und geräumige, familiengerechte Wohnungen für bis zu fünf Personen. Das Interesse ist groß meint Jürgen Zaunbrecher, Geschäftsführer der Gemeinnützigen Zuhause GmbH, die als Tochtergesellschaft des Wiesbadener Vereins Inklusion durch Förderung und Betreuung (IFB) die Wohnanlage betreibt gegenüber der „Frankfurter Rundschau“. Die ersten Mieter werden bereits im März erwartet.

Hilfeleistungen inklusive

Für Zaunbrecher ist es wichtig, dass Menschen mit Handicap die Möglichkeit haben, in einer eigenen Wohnung zu leben. Weil viele von ihnen aber dennoch auf Betreuung angewiesen sind, bietet das Projekt verschiedene Zusatzleistungen an. Im Haus integriert findet sich eine Sozialstation, die 24 Stunden am Tag zur Verfügung steht. Auch Freizeitangebote können die Mieter in Anspruch nehmen.

Kein Leben im vollstationären Wohnheim, sondern unterstütztes, eigenständiges Leben – so stellt sich auch Jürgen Zaunbrecher die Zukunft vor. Doch ist dieser Gedanke wirklich so innovativ, wie er auf den ersten Blick erscheint?

Ganz neu ist die Idee nicht

Der Ansatz, dass Menschen auch im hohen Alter noch selbstbestimmt leben sollten, ist nicht neu. Bereits in den 1990er Jahren hat die Bielefelder Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft mbH (BGW) neue Wohnformen für ältere Menschen gesucht und zusammen mit der Stadt das „Bielefelder Modell“ entwickelt.

Dieses Modell zeichnet sich dadurch aus, dass in Bielefeld nicht einfach nur barrierefreier Wohnraum geschaffen wird, sondern dieser auch mit Versorgungsmaßnahmen ausgestattet ist – ohne viel zu kosten. In Bielefeld selbst ist dieser quartiersbezogene Ansatz weiterhin durch eine gute Infrastruktur und ein Wohncafé, das als Treffpunkt genutzt wird, gekennzeichnet. Die Stadt Bielefeld plant, in jedem Stadtteil mit einem „Bielefelder Modell“ vertreten zu sein. Andere Städte wie Wiesbaden nehmen sich ein Beispiel daran.

Kleine Schritte sind nötig

Für eine konsequente Umsetzung einer barrierefreien Wohnumgebung sind neben viel persönlichem Engagement auch größere Investitionen notwendig. Nicht jede Kommune ist jederzeit in der Lage, die entsprechenden finanziellen Mittel für Neubau und Umgestaltung aufzubringen. Gerade Kommunen, die in einem städtebaulichen Wandel stecken, stehen hier vor einem Dilemma: Auf der einen Seite werden die Bundesmittel für den Städtebau gekürzt, auf der anderen Seite werden die Probleme in den Städten immer drängender.

Eine Kommune, die diesen Spagat in der Vergangenheit gut bewältigt hat, ist Bremerhaven. Dort konnten Stadtteile mit einem hohen Leerstand durch Neubau und Sanierung von Immobilien revitalisiert werden. Dennoch kämpft Bremerhaven mit der Leerstandsproblematik, auch weil attraktive und barrierearme Immobilien in der Stadt aktuell noch fehlen. Würden in Bremerhaven solche Immobilien entstehen, die älteren die Chance zum selbstständigen Wohnen erhalten, würde die Stadt an Attraktivität gewinnen und den Leerstand in den Griff bekommen. Doch derzeit sieht es eher so aus, als würden die städtebaulichen Fördermittel deutlich weniger werden.

Doch auch in Bremerhaven sind alternative Wohnformen deshalb ein brisantes Thema. Derartige Wohnprojekte umzusetzen bedürfe allerdings eine längere Zeit meint Benjamin Krasemann, Erziehungswissenschaftler an der Universität Kassel. Wann alte und eingeschränkte Menschen in Bremerhaven in den Genuss von Projekten wie etwa dem in Wiesbaden kommen, steht deshalb noch nicht fest.

Erfahren Sie mehr über die verschiedenen Aspekte und Herausforderungen des Themas Barrierefreiheit auf unserer Themenseite.

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Über Sabine Wagner

Sabine Wagner ist Mitglied der immobilo-Redaktion
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